Geschichte

Geschichte evangelischer Christen in unserer Region
bis zur Gründung der Evang.-Luth. Pfarrei Neuhaus (am Schliersee)

Von Pfarrer Walter Stock (Chronik der Marktgemeinde Schliersee) und Johannes Hütz (Niederschriften aus dem Kirchenarchiv)


Seinem Aufsatz in der Schlierseer Chronik („Schliersee 779 - 1979“) beginnt Pfarrer Walter Stock mit der Bemerkung, dass um 1570 nahezu 90 % der deutschen Bevölkerung der Lehre Luthers angehörte. Selbst an Orten die heute als Zentren besonderer katholischer Frömmigkeit gelten, wie in Altötting oder Passau, wurde evangelisch gepredigt.
In unserer Heimat hätte nicht viel gefehlt und man wäre evangelisch geblieben, wenn die Herrschaft Hohenwaldeck, die sich mit ihren Herren ganz der Reformation verschrieben hatte, nicht dem starken politischen Druck des Bischofs von Freising 1584 nachgegeben hätte. Im Zusammenhang mit einem ausgesprochenen Bann des Bischofs von Freising über die Herrschaft Hohenwaldeck wurde eine Handelssperre errichtet, die die Bevölkerung im Lebensnerv traf. Auch in Schliersee hieß es jetzt: Entweder wegziehen oder katholisch werden!
1586 starb Wolf-Dietrich von Maxlrain womit zunächst der Schlusspunkt der Evangelischen im altbayerischen Oberland für die kommenden 200 Jahre gesetzt war.

Die ersten evangelischen Gottesdienste in Miesbach

Erst als der Pfälzer Wittelsbacher 1799 als Maximilian IV., Kurfürst von Bayern wurde (ab 1806 Max I. Joseph, König von Bayern), begann für die Evangelischen in Bayern eine neue Zeit. Seine Frau Caroline war evangelischen Bekenntnisses. Nach den Napoleonischen Kriegen fielen die fränkischen Gebiete an Bayern, womit plötzlich ¼ der bayerischen Bevölkerung evangelischen Glaubens waren. In Großkarolinenfeld (Lkr. RO) richteten Kolonisten 1804 eine eigene Pfarrstelle ein, womit alle Evangelischen zwischen Isar und Salzach, damit auch unser Gebiet, dort ihr geistliches zu Hause fanden. Dies sollte bis 1919 Gültigkeit behalten. Schon 1865 schreibt der Reiseprediger Ruck: “Wer sollte es glauben, dass in Miesbach, Schliersee und Josephstal 60 Protestanten wohnen?“ 1865 fand dann der erste Gottesdienst in Miesbach, bei Frau Notar Kammerer statt, an dem 42 Personen teilnahmen.

Evangelische Eigenständigkeit südlich von Miesbach

Bis 1919 wurde Schliersee, wie das gesamte Miesbacher Gebiet von einem Reiseprediger aus Bad Tölz versorgt. Obgleich das bereits 1916 eingerichtete Vikariat Miesbach formal existierte, konnte es erst 1919 mit Vikar Hermann personell besetzt werden. 1928 wurde Miesbach selbständige Pfarrei, die von Pfarrer Neunhoeffer bis 1946 betreut wurde. Hierzu gehörte auch das gesamte Schlierach- und Leitzachtal. Der Ruf des Landeskirchenrats nach eigenen Gottesdiensten in Schliersee wird vom Miesbacher Kirchenvorstand ablehnend gesehen: Im Protokoll vom 12.02.1922 steht zu lesen: „Wegen der vom Landeskirchenrat gewünschten Gottesdienste in Schliersee wird festgestellt, dass der Kirchenvorstand mit Rücksicht auf die Zentralisation der Gemeinde gegen die Errichtung solcher Gottesdienste ist, dagegen die Errichtung von Bibelstunden in den weiter abliegenden Gemeinden befürwortet wird.“

Gründung des Kirchenbauvereins Schliersee

Diese Bevormundung wollte man sich aber in Schliersee offensichtlich nicht gefallen lassen: Schon am 11.11.1923 gründet sich die „Vereinigung der Evangelischen in Schliersee und Umgebung“. Sie argumentieren mit den „hohen Eisenbahnpreisen“ weswegen sie den Gottesdienst in Miesbach nicht erreichen zu können. Die Vereinigung ist offensichtlich sehr erfolgreich, denn mit Unterstützung des damaligen evangelischen Bürgermeisters Miederer von Schliersee wird im Rathaussaal im selben Jahr noch der erste Gottesdienst abgehalten!  Offensichtlich beflügelt durch diesen Erfolg wird die Vereinigung wenig später vom „Evangelischen Kirchenbauverein Schliersee“ abgelöst, der bereits 1926 (!!!) das Grundstück an der Leitnerstraße ankauft.
 Als bereits nach 4 Jahren der Großteil der Schulden abgetragen war, machte sich Pfarrer Neunhoeffer mit seinen Getreuen an die Planung einer eigenen Kirche für Schliersee. Aber die Zeit war nicht danach! Kirchenbauten im Dritten Reich waren, zumal im Blickfeld der öffentlichen Verwaltung, nicht gefragt.  Die jetzt in der Weinbergkapelle stattfindenden Gottesdienste sollten noch knapp 25 Jahre ihr Bestehen haben!

Evangelisch südlich vom Schliersee und im oberen Leitzachtal

Während das rasante Anwachsen der evangelischen Christenschar in den 20-er und 30-er Jahren -auch südlich von Schliersee vielfach auf die Fremdenverkehrsaktivitäten zurückzuführen gewesen sein mag, war die Entwicklung der 40-er Jahre entscheidend vom 2. Weltkrieg und seinen verheerenden Auswirkungen geprägt. Als im September 1946 Pfarrer Dr. Buergel-Goodwin Pfarrer Neunhoeffer in Miesbach nachfolgte, war er immer noch für das gesamte Gebiet zwischen Sauerlach und der Landesgrenze bei Bayrischzell verantwortlich. Allein südlich von Schliersee und im oberen und unteren Leitzachtal hatte sich die evangelische Bevölkerung durch den Zuzug der Kriegsflüchtlinge aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs zum Teil verzehnfacht!
Auch die kleine evangelische Gemeinde, die anfangs des 20. Jahrhunderts sich um den praktischen Arzt Christian v. Mengershausen auf dem Tannerhof in Bayrischzell scharten, wurden von Miesbach aus gottesdienstlich versorgt. Dies änderte sich erst gegen Ende des 2. Weltkriegs, als durch ausgebombte Münchener Familien und durch den Zuzug von Ostflüchtlingen die Anzahl der Evangelischen sprunghaft anstieg. Seelsorgerisch wurden die Bayrischzeller in den folgenden Jahren nach dem Kriegsende durch die vertriebenen Pfarrer Griesbach, Pfarrer Rauch und durch den ehemaligen Kirchenpräsident Veit betreut. Gottesdienste fanden im Gasthof Wendelstein später im Tannerhof statt, der zunächst als Ausweichkrankenhaus, später als Altersheim der Evangelischen Diakonissenanstalt München geführt wurde.

Entstehung eines Vikariats Neuhaus-Fischhausen

Ab 1949 wurde der südliche Abschnitt des Miesbacher Pfarramtsbezirks ab Fischhausen-Neuhaus im Norden und bis zur Landesgrenze nach Bayrischzell im Süden und bis Niklasreuth im Osten zu einem Vikariat zusammengeschlossen. Pfarrer Ernst Schneider, der in Hammer (Aurach) seinen Wohnsitz genommen hatte, betreute von nun ab als zweiter Miesbacher Pfarrer dieses Gebiet, das sich immer stärker zu einer selbständigen Einheit evangelischer Christen im Südosten des Landkreises formierte. Aus den vielfältigen Protokollen und Schriftstücken aus den Jahren 1951 bis 1955 können die mannigfachen Geburtswehen einer entstehenden neuen Kirchengemeinde Neuhaus am Schliersee nacherlebt werden: Eines schien von Anfang an unstrittig gewesen zu sein: Auf Grund der nach Kriegsende neu entstandenen Gottesdienststellen in Fischhausen-Neuhaus (kath. Leonhardikapelle) in Fischbachau (kath. Friedhofskapelle) und in Bayrischzell (Gasthof Wendelstein u. Tannerhof) und der vielfachen Unterrichtsverpflichtungen in den Volksschulen Neuhaus, Bayrischzell, Fischbachau  und an der Oberrealschule und Berufsschule Miesbach, musste bei den zurückzulegenden weiten Entfernungen eine neue Gebietseinteilung mit eigenständigem Pfarrpersonal angestrebt werden. Darüber hinaus hat offensichtlich Pfarrer Schneider am 15.1.51  und 9.3.51 von Landesbischof Meiser den persönlichen Auftrag erhalten, die Gründung einer Tochterkirchengemeinde Fischbachau vorzubereiten.
Während in Schliersee durch den seit 1924 existierenden Kirchenbauverein bereits bewährte Strukturen geschaffen waren, hatte sich südlich des Schliersees eine vollkommen neu zusammengewürfelte seelsorgerische Notgemeinschaft gebildet.
Der einzige „greifbare“ materielle Hinweis für entstehendes evangelisches Gemeindeleben war im Sommer 1940 der Ankauf eines Kirchenbaugrundstücks in Bayrischzell durch Frl. Theodora Scharmann.

Verselbständigung der "Südgemeinden"

Am 23. Mai 1951 lud Pfarrer Dr. Buergel-Goodwin zu einer Kirchenvorstandssitzung am 27.5. in den Krainsberghof bei Herrn Hofrat Dietzel nach Schliersee ein. Der erste Tagesordnungspunkt lautete: „Errichtung einer Tochtergemeinde Fischbachau-Bayrischzell“. Ergebnis dieser Sitzung war der einstimmig angenommene Vorschlag, aus den Gemeinden Bayrischzell, Fischbachau, Hundham, Niklasreuth und Wörnsmühl eine Tochterkirchengemeinde (des seit 1949 bestehenden Vikariats) zu bilden und Schliersee mit Neuhaus zu einem eigenen zweiten Vikariat zusammenzuschließen. Eine Trennung von Schliersee-Neuhaus vom Pfarramt  Miesbach sollte aber nicht erfolgen, „da sich die finanziellen Folgen als untragbar erweisen würden“.
Der  Widerstand war südlich des Schliersees in Windes Eile organisiert: In Neuhaus,  in Bayrischzell und in Fischbachau  fanden „Versammlungen evangelischer Glaubensgenossen“ statt. Man bereitete eine Resolution vor, die am 1. Juni 1951 an den evangelischen Landeskirchenrat abgesandt wurde. In dieser wird „lebhafter Einspruch“ gegen den von Miesbach vorgesehenen Zusammenschluss von Schliersee und Neuhaus erhoben. Kernaussage war, sich beim Landesbischof Meiser für die Einrichtung eines eigenständigen Pfarramts Fischhausen-Neuhaus auszusprechen. Ein „Evangelischer Gemeindeverein Bayrischzell-Fischbachau und Fischhausen-Neuhaus“ wurde gegründet und Pfarrer Schneider zu seinem Vorsitzenden gewählt.  Am 11. Juni 1951 fuhr eine Delegation die aus den Herren Staatsminister a.D. Dr. Otto Meißner , Dr. Hermann Nobiling,  Ernst Schrön (alle Neuhaus), OStR E. Schleyer (Bayrischzell), und Frau Gerda Hecker (Fischbachau) bestand. Offensichtlich bekamen die Neuhauser mit auf den Heimweg, dass der Landeskirchenrat mit der Errichtung neuer Pfarrstellen sehr zurückhaltend sei und dass Voraussetzungen wie „eine zureichende Pfarrwohnung und eine Ortskirche“ erfüllt sein müssen.“ Jedoch räumte man ein, ein „Exponiertes Vikariat“ einrichten zu wollen.

Das Exponierte Vikariat Fischhausen-Neuhaus

Ende Juni 1951 hebt der Miesbacher Kirchenvorstand seinen umstrittenen Beschluss von Schliersee auf und entlässt Neuhaus zur Errichtung einer Tochterkirchengemeinde mit den Gemeinden des Südbezirks aus seiner Umklammerung. Auf Vorschlag von OKR Bezzel, der ebenfalls an der Sitzung teilnimmt, werden die bis dato zu den Südgemeinden zählenden Gemeinden Niklasreuth und Wörnsmühl in den Miesbacher Bezirk zurückgegliedert. Begründung: “Die Orte haben durch ihre Lage nie eine lebendige Beziehung zu Fischbachau entwickelt.“ Der Errichtung eines Exponierten Vikariats Fischhausen-Neuhaus wird zugestimmt. Die Wahl eines ersten eigenständigen Kirchenvorstands in Neuhaus am 25.11.51 besiegelt den Weg in die Selbständigkeit! Gewählt wurden: Dr. med. Hermann Nobiling, Dr. Otto Meißner, Ernst Schrön, Reinhard Woge, Margarethe Seuffert (alle Neuhaus); Hertha Müller, Birkenstein; Ewald Schleyer und Altpfarrer Wilhelm Rauch (beide Bayrischzell); Vorsitzender des KV ist Pfarrer Ernst Schneider. Am 1. März 1952 wird offiziell das Exponierte Vikariat Neuhaus am Schliersee durch den Landeskirchenrat anerkannt. Die Kirchengemeinde wird zur Bereitstellung einer ausreichenden Dienstwohnung verpflichtet. Diese wird durch den Ankauf eines Einfamilienhauses in Neuhaus, Miesingstr. 7, späteres Pfarramt, gefunden.

Errichtung der Pfarrei Neuhaus (am Schliersee) am 5. Juni 1955

Bereits ein Jahr später wird der Antrag zur Umwandlung des Exponierten Vikariats in eine Pfarrei an den Landeskirchenrat gestellt. Dieser stellt im November 1953 fest: „Das Bedürfnis zur Umwandlung in eine Pfarrei wurde anerkannt. Der Antrag musste jedoch noch zurückgestellt werden, bis eine Kirche am Pfarrort erbaut ist.“

Die letzte Hürde wird genommen: In einem Schreiben vom 26.2.1954 berichtet Pfarrer Schneider an den Landeskirchenrat, dass die Grundstücksverhandlungen für einen Kirchenbau in Neuhaus noch zu keinem Abschluss gekommen seien. Darüber hinaus bestand aber die sehr konkrete Möglichkeit durch das ehemalige Bayrischzeller Gemeindeglied, Freiherr v. Royk-Lewinsky an Spendengelder der amerikanischen Wooden-Church-Gesellschaft zu kommen. Da in Bayrischzell seit 1940 ein Bauplatz vorhanden war und die Entscheidung zur Absicherung der Spende von 80.000 DM schnell von statten gehen musste, fiel die Entscheidung zunächst für den Kirchenbaustandort Bayrischzell statt Neuhaus. Die Grundsteinlegung fand bereits am 27.6.1954 statt, die feierliche Einweihung am Dreifaltigkeitssonntag, den 5.6.1955. Endlich: Exakt einen Monat vorher wird die Errichtung der neuen Pfarrei Neuhaus (am Schliersee) unter Aufhebung des Exponierten Vikariats Neuhaus-Fischhausen beurkundet.